Gastbeitrag Selbstliebe

SCHWUL SEIN // GASTBEITRAG VON YONAS

Dieses Jahr will ich einem ernsteren Thema Platz auf diesem Blog zu widmen. Mir erscheint es, dass viele Menschen selbstzerstörerisch handeln und vergessen haben, wo & wie sie ihr Glück finden, sich zu stark irgendwelchen rigorosen Konventionen unterordnen statt sich selbst zu folgen. Deshalb erscheint hier nun jeden Monat einen Gastbeitrag zum bewusst offen gehaltenen Thema „Selbstliebe“. Menschen teilen ihre Geschichten & Gedanken. Alle Beiträge findet ihr hier.
Der Beitrag im Monat März ist von Yonas. Vielen Dank für deine Geschichte!

Hallo (: Ich bin der Yonas von allstaryonasusa.blogspot.com und ich möchte euch heute meine Geschichte erzählen.
Ich weiß gar nicht wann es anfing. Ich hab mich noch nie so wirklich für das weibliche Erscheinungsbild interessiert. Hatte immer nur Augen für hübsche Jungs. Und stellte mir Beziehungen mit ihnen vor. Um jedoch keine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen, habe ich es viel mit Mädchen versucht. Nach etlichen gescheiterten Beziehungen (naja, wie man sich eben ne Beziehung mit 13, 14 so vorstellt) begann ich nachzudenken: “Willst du wirklich den Rest deines Lebens unglücklich sein und dir was vormachen?” – Ich fing an, mich mit dem Thema Homosexualität auseinanderzusetzen. Anfangs fand ich es extrem befremdlich, aber irgendwann fand ich Gefallen daran “anders” zu sein. Es war eine lange und harte Zeit, geprägt von nahezu depressiven Zuständen, Selbstmordgedanken, falschen Freunden, bis ich es mir selber eingestehen konnte – „Du bist schwul!“. Mit 13 entschloss ich mich dazu, mich meiner besten Freundin anzuvertrauen (ich hab ihr nur gesagt, dass ich unentschlossen sei). Sie fand es total cool und hat es sehr gut aufgenommen. Ich war doch schwul, oder nicht? Nachdem ich mich ihr anvertraut habe, begannen große Zweifel an meiner selbst. Fragen wie “Wer bin ich überhaupt?” schwirrten mir ständig in meinem Kopf herum. Ich begann mich zu verschließen und mich von der Umwelt abzuschotten. Ich wollte mit keinem reden – ich wollte alleine sein. Alleine sein, um über mich nachzudenken. Jedoch habe ich (lediglich) eine Fassade aufgebaut. Jeder in der Schule dachte, ich sei ein total glücklicher Mensch. Ich war es aber nicht. Ich wollte mir es nur nicht anmerken lassen – weil ich ein Mensch bin, der Mitleid nicht ausstehen kann. Ich begann viel zu lesen. Viele Bücher, Blogs, Artikel über Homosexualität und Selbstakzeptanz. Dann kam die Zeit, in der ich „World of Warcraft“ für mich entdeckt habe. Ich hab durch WoW diese Zweifel an mir selbst immer verdrängt. Vor der harten Realität geflüchtet. Einfach alles tun, um mich selbst nicht damit konfrontieren zu müssen. Nach ein paar Monaten hab ich bei meinem besten Freund übernachtet. Es war irgendein Fest im Dorf meines besten Freundes und ich hab dort gekellnert. Nachdem wir unsere Schicht beendet hatten, fingen wir an uns zu betrinken. Nach 1-2 Bier war ich sichtlich angeschlagen vom Alkohol und fing an, meinem besten Freund mein Herz auszuschütten. Er wusste nicht, wie er drauf reagieren sollte und sagte währenddessen nichts. Als wir bei ihm Zuhause waren, wollten wir eigentlich nur noch ins Bett. Als wir in seinem Zimmer angekommen waren, zog er sich aus, zu meiner Überraschung komplett. Er fing an über mich herzufallen. Er fing an mich zu küssen… (den Rest dürft ihr euch selber ausmalen :p) In dieser Nacht hat sich alles geändert. Nach einer Weile bin ich in das Fettnäpfchen getreten und hab über sein etwas zu klein geratenes Geschlechtsteil gelacht. Daraufhin zog er sich eine Boxershorts an und schlief. Am nächsten Tag war er total normal zu mir, als wär nichts gewesen – ich tat dasselbe. In meinem Kopf war jedoch alles andere los. Ich war total überfordert mit der Situation. Ich wusste nicht mehr weiter. Nach dem Abend distanzierte ich mich immer mehr von meinen Freunden, besonders von meinem besten Freund. Ich wusste nicht was los war – wie es weiter gehen sollte. Ich saß oft nachts in meinem Bett und hab einfach geheult. Ich hab mir ausgemalt wie ich es am schmerzlosesten anstellen könnte, von dieser Welt zu gehen. Das alles mit 14 jungen Jahren.
Ich hab mich wertlos gefühlt. Wie ein Nichts. Anders. Falsch. Taktlos. Zum ersten Mal sah ich in meinem Leben den Film “Shelter” (welchen ich übrigens sehr empfehle!). Dieser gab mir Mut zu sein, wer ich bin. Zu akzeptieren wie ich bin. Ich suchte nach mir selber. Ich suchte nach dem wirklichen Ich. Nichtmehr die Fassade. Nichtmehr dieser gebrochene Junge, der versuchte dazuzugehören. In der 9. Klasse hab ich mich beinahe täglich am Stadtsee in der nächstgelegenen Stadt mit “Freunden” zum Besaufen, zum Rauchen getroffen. Einfach das tun, wovor mich jeder beschützen wollte… Im Frühling 2010 bekam ich die ultimative Chance, doch was aus meinem Leben zu machen. Ich war schon immer grottig in der Schule gewesen. Es war die Mathelehrerin der “M-Klasse”, die auf mich aufmerksam wurde. (M-Zweig ist Realschulunterricht in der Hauptschule). Sie setzte sich dafür ein, dass ich in den “M-Zweig” eintreten durfte. Mein damaliger Klassenleiter teilte ihre Meinung und sie überzeugten meinen damaligen Rektor. Somit trat ich im Halbjahr über. In die andere Klasse. Alles ging Berg auf. Meine Noten gingen steil nach oben und ich war in kürzester Zeit der Klassenbeste in Mathe, Englisch und Chemie/Physik. Ich schrieb keine Note schlechter als eine Drei. Meine Persönlichkeit fing an sich zu entwickeln. Ich wurde offener. Ich ließ endlich wieder Leute an mich ran. Ich lernte viele Leute kennen. Da mein damaliger bester Freund den Kontakt zu mir nach meinem Übertritt komplett abgebrochen hatte, fing er an, mich in der Schule zu mobben. (Er war mit mir zusammen in der regulären Klasse.) “Schwuchtel”, nicht mehr “Yonas” war mein Name. Ich versuchte drüber zu stehen. Allerdings hat es mir gereicht und ich habe ihm meine Meinung über sein Fehlverhalten gegeigt. Wie klein doch sein tollster ist. Wie er über mich hergefallen ist. Und das alles vor versammelter Klasse. Ich war so wütend. Ich hab ihn damit sehr getroffen, was mir total egal war. Er hatte immer die große Fresse, nach der Aktion jedoch war er ganz klein. Ich hab mich so stark gefühlt, endlich jemanden Widerstand leisten zu können. Ich hab mich erstmals wie ein richtiger Mensch gefühlt, welcher Gefühle hat und diese auch zum Ausdruck bringen konnte. Nachdem ich auf vielen “Weinfesten” rumgetourt bin, bin ich mit meinem “Besten Weinfest Kumpel” nach Berlin gefahren.
Zu der Zeit war ich 15 und es war Sommer. Es war eine schöne Zeit in Berlin. In Berlin habe ich mit ihm über meine Homosexualität geredet und er hat mir Mut dazu gemacht, mich bei meiner Mutter zu outen, dies tat ich in Form einer E-Mail. Meine Mutter hat es akzeptiert. Von nun an fing ich an, mich Stück für Stück selbst zu akzeptieren. Ich lernte noch in Berlin meinen ersten Freund kennen. Wir hatten eine schöne, aber eine viel zu kurze Zeit gemeinsam. Er fand ich sei zu egozentrisch und zu egoistisch. Ich sei zu sehr mit mir selbst beschäftigt, anstatt mit ihm. Das war ein totaler Rückschlag bei der Suche nach meinem wahren Ich. Wie kann ich jemanden lieben, wenn ich mich selbst nicht liebe? Wie kann ich jemanden kennen, wenn ich mich nicht einmal selbst kenne? Aus Rache fing ich damals was mit seinem Exfreund an. Ich wollte, dass er leidet. Ich wollte, dass er das zurückbekommt, was er mir mit diesen Worten angetan hat. Ich und sein Exfreund einigten uns auf “friends with benefits.“ Nur Sex. Keine Liebe. Anfangs lief es ganz gut. Mein Exfreund hat sich total aufgeregt und mich ignoriert. Ich war trotzdem gebrochen. Nach dem Sex mit seinem Exfreund saß ich oft im Bad und hab geweint. Weil ich es nicht mehr aushalten konnte und wollte. Sein Exfreund hat das natürlich mitbekommen und hat mich immer wieder aufgemuntert. Und ich habe angefangen mich in ihn zu verlieben. Anfangs wollte er was von mir. Ich wollte ihn zu der Zeit nur benutzen, um meinem Exfreund eins auszuwischen. An meinem 16. Geburtstag hat er mir dann offenbart, dass er für mich dieselben Gefühle hat, wie ich für ihn, aber Angst hatte, wegen meines Alters. Zu der Zeit war ich 15 und er 24. Für mich stellte das nie ein Problem dar. Für Ihn jedoch schon. Seit dem 9. März 2012 sind wir zusammen. Aufgrund der gemeinsamen Zeit, ist der Altersunterschied irgendwann in den Hintergrund getreten. Mein Freund hat mir geholfen, zu mir selbst zu finden. Er hat mir geholfen mich zu akzeptieren, so wie ich bin. Nach dem 9. März fing für mich sozusagen ein “neues Leben” an. Meine Persönlichkeit hat sich um 180° gewendet. Ich bin nach der 10. Klasse aufs Gymnasium übergetreten, wo ich jetzt noch einmal die 10. Klasse mache, um mein Abitur mit bestmöglichsten Leistungen abzuschließen. Mein Freund und ich waren letzten Sommer zusammen in Florida. Meine Mum liebt meinen Freund. Auch wenn der Altersunterschied da ist, es spielt für niemanden eine Rolle. Seine Familie hat mich aufgenommen wie ich bin – und mag mich so wie ich bin.
Heute bin ich fast 17, ein aufgeschlossener und temperamentvoller Junge. Ich bin frech, hinterfrage alles. Bin gut in der Schule und führe eine glückliche Beziehung mit meinem Freund. Ich scheue mich nicht meine Meinung zu sagen und diese zu vertreten. Oft werde ich gefragt, wieso ich zu allem meine Meinung äußere. Ich antworte darauf immer “Ich möchte euch Transparenz geben, Transparenz um zu wissen, woran ihr an mir seid”. Ich denke diesen “Tick” habe ich einfach, weil ich die Erfahrung gemacht habe, wie es ist, “verschlossen” zu sein. Ich denke oft an diese Zeit zurück und bin froh, alles so heil überstanden zu haben.
Ich hoffe ich konnte euch einen kleinen Einblick in meine Lebensgeschichte geben. Natürlich gehört zu der Persönlichkeitsentwicklung und Selbstakzeptanz ein ganzer Haufen mehr dazu, aber ich wollte euch das alles Mal im Blickpunkt “schwul sein” darstellen.
Cheers
Yonas
xoxo


5 Comments

  • Reply
    Frl. Müller
    1. April 2013 at 14:38

    Hi Kristina,
    hi Jonas,

    danke für die bewegende Geschichte! Es war sicher nicht einfach, das aufzuschreiben. Ich weiß, es steht auch unter dem Thema Outing, aber ich denke, viele junge Menschen haben in der Teenie-Zeit (und auch später immer wieder) mit ähnlichen Problemen zu kämpfen. Nicht wissen, wer man genau ist, diverse Rache-Aktionen, über die man später lacht (oder auch nicht) oder falsche Freunde … umso schöner, dass es hier ein Happy End gegeben hat! LG

  • Reply
    Allstaryonas
    1. April 2013 at 15:37

  • Reply
    kissandmakeupsbeautyblog
    1. April 2013 at 16:08

    This is such a good story, thanks for sharing! I took me like twenty minutes to read it (I understand German quite well but I have to focus and concentrate in order to really understand everything :-)) but it was worth it. Things clearly haven’t been easy for you, but it’s great to hear that it all turned around in the end.

    • Reply
      Allstaryonas
      7. April 2013 at 14:42

      I appreciate it :) I’m glad that at the end of the day everything, like you said, turned „good“ :D Yonas. xoxo

  • Reply
    Sara
    8. April 2013 at 18:32

    Toller Beitrag, der mal wieder zeigt, dass die Gesellschaft halt noch nicht so weit ist Homosexualität als normal anzusehen, was sehr schade ist. Es ist immer wieder erstaunlich, was Homosexuelle, allgemein andersartige durchmachen müssen, und die meisten die ich kenne, wurden dadurch jedoch wunderbare Menschen, die wissen was Respekt ist, aber den auch zu recht für sich einfordern, weil sie wissen, dass sie einzigartig sind.
    Wie du. Danke Yonas

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    not all those who wander are lost